Selten gelesene Gedichte

Durch die Pappeln glänzte der Vollmond schon.
Mit der Geißel zeigte der Postillon:
"Meine Herren, dort oben im Mondenschein
Die Mauer, die nennt man den Kummerstein.
Es geht eine Sage schaurig und graus
Darüber im Lande bei uns zu Haus.

Vor alten Zeiten, entschwunden längst,
Saß dort an der Straße ein stummes Gespenst.
Wer einmal demselben ins Auge gesehn,
Mußt selbigen Jahres zugrunde gehn.
Schlich traurig umher und härmte sich
Und weinte zuweilen bitterlich.
Warum? Ja was weiß ich, es steht nicht im Buch.
Es heißt, man behauptet, es war ein Fluch.
Die einen glaubens, die andern nicht.
´s ist halt so ein Märchen, ´s ist halt ein Gedicht."

Die Herrchen verlachten die alberne Mär.
Doch als nun die Mauer kam näher daher,
Da lief ob dem alten verspotteten Wahn
Ein heimliches Frösteln im Rücken sie an,
Indessen der Kutscher vor Angst und Not
Gespäßlein und Mätzlein zum besten bot.
Da sprang in den Acker der Sattelhengst -
Wahrhaftig, dort sitzt es, das Kummergespenst!
Was schaukelt es auf den Knien sein?
Des Kutschers lebendiges Töchterlein.
Das lachte gar lustig und wohlgemut.
Dem Vater gefror im Herzen das Blut.

Doch tröstlich der Geist jetzt zu reden begann:
"Habt Frieden! gelöst ist der böse Bann.
Der Kummer in meinem tödlichen Blick,
Er sang von verschollener Welten Geschick.
Weh jenem, der fühlend die Vorzeit begreift:
Sein Geist über Ströme von Tränen schweift.
Mit Blut bis zum Hals ist die Erde gedüngt,
Durch Kinder und Toren wird sie verjüngt.
Weißt, wie man dem Fluche den Dorn entreißt?
Schaff einen, der von dem Fluche nichts weißt.
Man darf, was verschmerzt ist, nicht schmerzen lan,
Ich aber will jetzo zur Rüste gahn."

Er sprachs und das Kindlein Gott empfahl,
Stieg nieder und seufzte zum letztenmal.

Es kam einmal vom Himmel her ein Schlitten rot und weiß,
Vom Christkind unverhofft gebracht zum Lohn für Gerdas Fleiß.

Sie zählte schon das Einmaleins und schrieb das ABC,
Und jeden Morgen spähte sie nach dem ersehnten Schnee.

Heut stürmt sie nach dem Tannenrain, in Pelze eingehüllt,
Das Ohr mit weisem Mahnungswort, das Herz mit Glück gefüllt.

Schon sitzt sie, schaut sich trotzig um: "Achtung! Hurra! aus Weg!"
O weh, das steife Fuhrwerk bockt im Zickzack krumm und schräg

Mit offnem Mund keucht sie bergan, versuchts zum andern Mal.
Der Schlitten stolpert links und rechts, doch gleitet nie zu Tal.

Inzwischen dunkelts im Zenit. Ein flaumig Flockenheer
Flüstert vom Himmel leis herab, und einsam wird umher.

Ihr wird so bang, ihr wird so kalt, das Weinen steht ihr nah.
Und müder stets und matter tönt ihr klägliches Hurra.

Sieh da, was blinkt und schimmert dort im Tannendickicht? Schau,
Auf einem moosbewachsnen Strunk sitzt eine hehre Frau,

Im Königsmantel blank und rein, mit Hermelin bestickt.
"Soll ich dir helfen, gutes Kind?" versetzt sie. Gerda nickt.

Sie nimmt das Mädchen auf den Schoß, fein sanft und warm gewiegt.
Juch, wie mit lustgem Federschwung der Schlitten talwärts fliegt!

Verschwunden ist die Müdigkeit, das Auge jauchzt und strahlt.
Und unversehens glänzt die Welt mit Märchenschein bemahlt.

Es lebt der Wald, es singt die Luft, so hold, man glaubt es kaum.
Diamanten sprüht das Gletscherfeld und Sterne sprießt der Baum.

"Gerda!" erscholl der Mutter Ruf. Sie hört es mit Verdruß
Die Frau erschrickt, erhebt sich, flieht nach einem kurzen Kuß.

Nach sieben Tagen blies der Föhn vom Berge lau und lind.
Was weinen und was wimmern so die Glocken durch den Wind?

Schulmädchen folgen einem Sarg, den Wagen lenkt der Tod.
Verlassen steht im Kämmerlein der Schlitten weiß und rot.

Ein grünes Kränzlein liegt darauf mit einem Bibelspruch.
Und ewig klafft im Einmaleins ein ungelöster Bruch.

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