Jasmin und Rosen schicken mit Macht
Weihrauchwolken durch die Sommernacht.
Plötzlich auf dem Hügel im Gebüsch ein Lärm,
Ein einziger Schrei gellt: Hermann ... Herm...
Und heraus stürzt vom kahlen Hügel zum Tann
Mit ausgebreiteten Armen ein Mann.
Wie still liegt das Land.

In der Rechten ein Messer, das perlt noch rot,
Damit stach er dort oben sein Mädchen tot.
Die Augen groß offen, von Lachen gepackt,
Die Brust im zerrissenen Hemde nackt,
So läuft er, erreicht er den Wald, den Weg
Und verschwindet über den Brückensteg.
Wie still liegt das Land.

Jasmin und Rosen schicken mit Macht
Weihrauchwolken durch die Sommernacht.
Der Vollmond glitzert auf Turm und Teich,
Zieht ruhig weiter durchs Himmelreich.
Der Halm steht auf, wo der Mörder lief,
Und das Blut oben schreibt einen Liebesbrief.
Wie still liegt das Land.

Detlev von Liliencron

Zusätzliche Informationen

»Nebel und Sonne«, 1900

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deutscher Lyriker und naturalistischer Erzähler
* 3.6. 1844 - Kiel
22.7. 1909 - Alt-Rahlstedt
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